Dr. Wilhelm Pfeffer

Wilhelm Pfeffer

Wilhelm Pfeffer (6.Juli 1937 - 31.Januar 1987)


Biografisches

Wilhelm Pfeffer wird am 4. Juli 1937 in Groß-Zimmern/Hessen als jüngstes von sechs Kindern geboren. Nach dem Besuch des Realgymnasiums in Dieburg beginnt er eine Lehre zum Industriekaufmann, die er jedoch abbricht, um sein Abitur zu machen. Das Studium der katholischen Theologie an den Hochschulen in Mainz und Innsbruck schließt sich an. Von 1964 – 1967 arbeitet Wilhelm Pfeffer als Geistlicher in Mainz (Religionspädagogik, Kinder- und Jugendarbeit, Erwachsenenbildung). Hier lernt er auch seine zukünftige Frau Ursula kennen. Er beendet seine kirchliche Laufbahn und heiratet. Aus der Ehe gehen vier Kinder hervor. 1967 nimmt Wilhelm Pfeffer sein Pädagogikstudium auf. Nach dem zweiten Staatsexamen arbeitet er zunächst als Hauptschullehrer, später als Sonderschullehrer. Er beginnt auch die Arbeit an einer Dissertation über Teilhard de Chardin. In der Folgezeit wird er zunächst Assistent an der Pädagogischen Hochschule in Reutlingen. Später wechselt er an die Universität Würzburg. 1977 schließt er seine Dissertation ab. Die theologisch-philosophische Grundhaltung bleibt Basis seiner gesamten Arbeit. An der Universität Würzburg arbeitet Wilhelm Pfeffer als Hochschullehrer und hält (sehr beliebte und äußerst gut besuchte) Lehrveranstaltungen in den Fächern Lernbehinderten- und Geistigbehindertenpädagogik. Wilhelm Pfeffers Arbeitsfeld ist aber nicht nur auf die Universität beschränkt. Er ist auch Dozent bei der staatlichen Zusatzausbildung zum Heilpädagogischen Förderlehrer in Würzburg und Freising. Auch in anderen Bundesländern wird er an der Ausbildung von Sonderpädagogen beteiligt. 1980 beginnt er in Würzburg mit der Arbeit an seiner Habitilation zum Thema „Schwere geistige Behinderung“, deren Veröffentlichung er nicht mehr erlebt. Er stirbt nach kurzer schwerer Krankheit am 30. Januar 1987.

Warum haben wir uns für den Namen „Wilhelm-Pfeffer-Schule Herzogenaurach“ entschieden:

Pfeffers Handlungstheoretische Beschreibung „Geistiger Behinderung“

Danach resultiert Behinderung aus dem Bezug zwischen dem (geschädigten) Individuum und der Alltagswirklichkeit, die der Erlebens- und Handlungsraum eines jeden ist. Nach Pfeffer hat die Alltagswirklichkeit vier Merkmale:

1.sie ist in Handlungsfelder gegliedert, in denen die Wirklichkeit bereits gedeutet vorliegt (z.B. Handlungsfeld Wohnen, Körperpflege, Verkehr usw.)
2.die in den Handlungsfelder vorgegebenen Arrangements und Bedeutungen sind gesellschaftlich bestimmt
3.die Alltagswirklichkeit ist komplex
4.und zeichenhaft verfasst (Sprache, Schrift, Pläne, Symbole)

Nach Pfeffer führt die Komplexität der Alltagswirklichkeit in einer Gesellschaft wie unserer dazu, dass jeder in irgendeinem Bereich Expertenhilfe in Anspruch nehmen muss. Dies gilt für das schwerstbehinderte Kind, welches Hilfe beim Essen benötigt, genauso wie für den Autofahrer, der eine Werkstatt aufsucht. Wir unterscheiden uns nur im Ausmaß der benötigten Hilfe. Die gesellschaftliche Bestimmtheit der Alltagswirklichkeit trifft ebenfalls für jeden zu: wir werden in eine Kultur hinein geboren, deren Werte, Sprache, Verhaltensregeln usw. wir bereits vorfinden, die wir erlernen und mit denen wir uns auseinander setzen.

Behinderung ist nach Pfeffer also nicht dem (geschädigten) Individuum allein zuzuschreiben, sondern entsteht in der Begegnung mit einer Alltagswirklichkeit, deren Anforderungen nicht oder nur schwer bewältigt werden können. Geistige Behinderung ist somit „spezifische Ausprägung einer allgemeinen Behinderung“ (Pfeffer, 104, 1984).

Für die Pädagogik ergeben sich damit nach Pfeffer folgende Aufgaben:
-Menschen mit geistiger Behinderung zur rollenspezifischen Handlungsfähigkeit in ihrer Alltagswirklichkeit zu verhelfen, ihnen die dazu notwendigen Kompetenzen zu vermitteln
- die individuell notwendige Hilfe zu ermöglichen (stellvertretende Hilfe, kompensatorische Hilfe und vor allem auch Hilfe zur Selbsthilfe)
- Menschen mit geistiger Behinderung zu befähigen, „Zeichen zu verstehen, zu erwerben und zu gebrauchen“ (Pfeffer, 104,1984) und auch selbst (z.B. als Lehrer, Erzieher, Therapeuten und Eltern) die Zeichen des Menschen mit geistiger Behinderung anerkennen und verstehen lernen
- Menschen mit geistiger Behinderung zur Kritikfähigkeit zu führen, d.h. sie zu kritischen und kreativen Individuen zu erziehen
- die Alltagswirklichkeit so zu gestalten, dass der Mensch mit geistiger Behinderung daran teilhaben kann, denn „ Alltagswirklichkeit ist (...) nicht nur eine Vorgegebenheit, an die die Menschen einer Gesellschaft sich anpassen müssen, sondern auch eine veränderbare und zu verändernde.“ (Pfeffer, 109, 1984).


Pfeffers überlegungen nehmen bereits vieles vorweg: Bedeutung der Zeichen (Unterstützte Kommunikation, erweiterter Lese- und Schreibbegriff), Bedeutung der Kritikfähigkeit (Schülermitverwaltung auch im Föderzentrum mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung), Notwendigkeit der Umgestaltung der Alltagswirklichkeit (vorbereitete Umgebung, Barrierefreiheit) usw. Sie haben großen Einfluss auf den neuen Lehrplan für den Förderschwerpunkt geistige Entwicklung. Viele der Mitglieder der Lehrplankomission hatten bei Pfeffer in Würzburg studiert und konnten seine überlegungen in den Lehrplan hinein nehmen, zum Beispiel:
- die Gliederung des Lehrplans in Lernbereiche, in Anlehnung an die Handlungsfelder der Alltagswirklichkeit
- die Bedeutung und Beachtung der unterschiedlichen Grade der Hilfestellung
die Zusammenfassung der Bereiche Wahrnehmung und Bewegung zu einem Lernbereich

Wilhelm Pfeffers Arbeit zur Frage nach der Erziehung bei schwerer geistiger Behinderung

Pfeffer geht zum einen der Frage nach: Was macht Erziehung bei schwerer geistiger Behinderung aus? Zum anderen arbeitet er mögliche Inhalte heraus, die ihm für die Arbeit mit diesem Personenkreis wichtig erscheinen: Wo setzt die Förderung dieser Menschen an?

Wichtig ist Pfeffer hier vor allem die „menschliche Begegnung“ in einer gemeinsamen Welt. Welt begegnet uns grundlegend als menschliche Welt. So nimmt der Bereich der Kommunikation eine zentrale Stellung ein.

Aus dem Projekt „Erziehung schwer geistig Behinderter“ geht Pfeffers Habitilationsschrift hervor, die er 1986 fertig stellt. Sie wird postum veröffentlicht (Wilhelm Pfeffer: Förderung schwer geistig Behinderter. edition bentheim, Würzburg 1988). Diese Arbeit findet bundesweit Beachtung und wird zu einem Grundlagenwerk der Geistigbehindertenpädagogik. Sie hat die sonderpädagogische Forschung landesweit maßgeblich beeinflusst.

Pfeffer zeigt hier u.a. auf, dass wir uns auf zwei Weisen der Welt zuwenden, im Erleben und im Gestalten. Das Erleben selbst ist bereits sinnhaft und nicht mehr hintergehbarer Grund unseres Mensch-Welt-Verhältnisses. Davon ausgehend kann Erziehung für alle Menschen begründet werden. Erste Unterrichtsinhalte können vom Erleben her formuliert werden.

Das Mensch-Welt-Verhältnis ist für Pfeffer zunächst immer ein Mensch-Mensch-Verhältnis. „Dinge werden durch interessante Menschen interessant“ (1988, 231), dieses Wort Wilhelm Pfeffers verweist auf die grundlegende Bedeutung der Beziehung zwischen Erzieher (Lehrer) und zu Erziehendem (Schüler). Nur wenn diese Beziehung besteht und positiv gestaltet werden kann, wird es gelingen, den Schüler, und nicht nur den mit schwerer geistiger Behinderung, für Lerninhalte zu begeistern. Die Bedeutung der menschlichen Beziehung durchzieht Pfeffers gesamtes Werk. Erst darauf aufbauend kann Zuwendung zur Welt der Menschen und Dinge in Gang kommen und gestaltet werden.

Der Lehrer Wilhelm Pfeffer

Wilhelm Pfeffer war ein Mensch, der andere mitreißen und für Neues öffnen konnte. Ehemalige Studierende der Universität Würzburg und Teilnehmer der heilpädagogischen Zusatzausbildung in Würzburg haben ihn so in Erinnerung: engagiert, wertschätzend und fähig, auch Schwieriges verständlich zu unterrichten, ohne dabei an Tiefe zu verlieren.

An unserer Schule haben das „Interessant-Machen der Welt“ und die pädagogische Beziehung einen hohen Stellenwert. Unsere Schülerinnen und Schüler können lernen, ihre Alltagswirklichkeit zu meistern, wenn ihnen Menschen begegnen, die ihnen dies zutrauen und sie auf diesem Weg fachlich und menschlich kompetent begleiten. Sie können mit anderen kommunizieren, wenn es Menschen gibt, die ihre Zeichen verstehen und ihnen Möglichkeiten zur Kommunikation an die Hand geben, sei es mit Gebärden oder Bildsymbolen, in Sprache und Schrift. Sie können kritikfähig sein, wenn sie hier ernst genommen werden, wenn Kritikfähigkeit von ihnen verlangt und sie sie darin gefördert werden.

Literatur:
Pfeffer, W.: Förderung schwer geistig Behinderter. edition bentheim, Würzburg 1988
derselbe: Handlungstheoretisch orientierte Beschreibung geistiger Behinderung. In: Geistige Behinderung 2/1984
derselbe: Zur Entwicklung des Erziehers in der Erziehung bei schwerer geistiger Behinderung, in: Erziehen als Beruf, Würzburg 1987